Warum Sicherheit in der Anfangszeit lebenswichtig ist und was Ankommen wirklich bedeutet.
Im Rahmen unserer Tierschutzarbeit erleben wir immer wieder, dass die Zeit nach einer Adoption unterschätzt wird.
Deshalb möchten wir in unserem aktuellen Sonntagsbericht erklären, was „Ankommen“ für einen Tierschutzhund tatsächlich bedeutet und warum gerade die ersten Wochen entscheidend für seine Sicherheit und Entwicklung sind.
Wenn ein Hund in sein neues Zuhause zieht, beginnt für viele Menschen das Happy End. Für den Hund selbst ist es jedoch oft erst der Anfang eines Anpassungsprozesses. Er verlässt alles, was er kennt – selbst wenn dieses Leben von Unsicherheit geprägt war. Neue Geräusche, neue Menschen, neue Abläufe und eine unbekannte Umgebung müssen erst eingeordnet werden. Viele Hunde wirken in den ersten Tagen ruhig oder angepasst. Dieses Verhalten wird häufig als schnelle Eingewöhnung verstanden, tatsächlich befinden sich viele Hunde jedoch noch in einer Stressphase.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Stresshormone wie Cortisol nach einem Ortswechsel über Tage oder Wochen erhöht bleiben können. In dieser Zeit beobachten Hunde viel, reagieren sensibel auf Reize und zeigen ihr tatsächliches Verhalten oft erst später, wenn erste Sicherheit entsteht. Ankommen bedeutet deshalb, Vertrauen aufzubauen, zur Ruhe zu kommen und zu lernen, dass Menschen verlässlich sind.
Gerade Hunde aus dem Tierschutz kennen unsere Alltagswelt oft nicht. Manche haben noch nie Fensterscheiben gesehen, erschrecken sich vor Spiegelbildern oder verstehen nicht, dass Glas eine Grenze ist. Es ist bereits vorgekommen, dass Hunde in Panik gegen Scheiben gelaufen sind oder versucht haben, durch gekippte Fenster zu klettern. Auch Balkone oder Höhen können falsch eingeschätzt werden, wenn ein Hund diese Situationen nicht kennt. Aus unserer Erfahrung wissen wir, wie schnell ein einzelner Schreckmoment dazu führen kann, dass ein Hund flüchtet oder sich schwer verletzt.
Aus diesem Grund ist das Tragen eines Sicherheitsgeschirrs in der Anfangszeit für uns ein zentraler Bestandteil des Schutzes und entsprechend im Schutzvertrag festgehalten. Diese Regel dient nicht der Kontrolle, sondern der Sicherheit des Hundes in einer besonders sensiblen Phase. Können moderne technische Hilfsmittel wie GPS-Tracker oder AirTags eine zusätzliche Absicherung darstellen, ersetzen jedoch niemals die notwendige Sicherung durch Geschirr und Leine.
Zu den wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen in der Anfangszeit gehören unter anderem:
– Sicherung des Hundes im Garten trotz Zaun, beispielsweise durch eine Schleppleine. Hunde können über Zäune klettern – auch zwei Meter sind für manche keine Hürde – oder sich darunter hindurcharbeiten.
– geschlossene und gesicherte Garten- und Garagentore,
– kein unbeaufsichtigter Aufenthalt im Garten,
– geschlossene Fenster bzw. gesicherter Hund beim Lüften.
– Sicherung auf Balkonen, Hunde unterschätzen Höhen und springen im Zweifel vom Balkon, egal aus welcher Höhe.
– Hausleine am Geschirr in neuen Situationen,
– korrekt geschlossene Haus- und Wohnungstüren, auch wenn man nur kurz den Müll rausbringt oder den Briefkasten leert.
– Sicherung des Hundes vor dem Öffnen der Haustür,
– doppelte Sicherung in den ersten Wochen (Sicherheitsgeschirr, Halsband, zwei Leinen. Wobei die Leine die sich am Sicherheitsgeschirr befindet, an einem festen Gürtel am Körper der Person befestigt sein soll.),
– Rückruftraining zunächst an der Schleppleine
– KEINE Verwendung von Rollleinen bei Hunden. Fällt sie zu Boden, kann das laute Nachschlagen dazu führen, dass ein Hund panisch flüchtet. Auch bei sicheren Hunden.
– GPS-Tracker und Tassomarke am Halsband oder Geschirr befestigen.
Diese Maßnahmen gelten unabhängig von der Hundeerfahrung der neuen Halter, da jeder Hund individuell reagiert und seine eigene Geschichte mitbringt. Sicherheit in der Anfangszeit bedeutet keine Einschränkung, sondern schafft die Grundlage dafür, dass ein Hund wirklich ankommen kann.
Niemand möchte für den Tod seines Tieres verantwortlich sein.
Tierschutz endet nicht mit der Adoption.
Er beginnt dort, wo Verantwortung im Alltag gelebt wird.
Euer Team von
Glück für Pfoten e.V.
📚
Quellen:
– American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB): Position Statements zu Verhalten und Stress bei Hunden
– Hennessy, M.B. et al. (1997; 2001): Untersuchungen zu Cortisolwerten und Stress bei Tierheimhunden nach Umweltveränderungen
– Beerda, B. et al. (1998): Behavioural and physiological indicators of stress in dogs
– McMillan, F.D. (2017): Mental health and well-being in animals rescued from adverse environments
